01. Januar 2016

Stuckarbeiten in »Bella Italia«

Stipendium_2 Ausbau und Fassade - Stuckarbeiten in »Bella Italia«

In Italien leben und arbeiten - dieser Traum ist für die beiden jungen Stuckateure Anton Gerstenkorn aus Ebern und Alexander Kopf aus Kappel-Grafhausen in Erfüllung gegangen - zumindest für die kurze Zeit von drei Monaten.

Über den Zentralverband des Deutschen Handwerks haben Stuckateur- und ­Malermeister Anton ­Gerstenkorn sowie Stuckateurgeselle Alexander Kopf im vergangenen Herbst ein Stipendium ­erhalten. Damit gehörten sie zu einem exklusiven Kreis von nur zehn deutschen Handwerkern, die einen drei­monatigen Kurs im Euro­päischen ­Zentrum für Berufe in der Denkmal­pflege in Thiene, in der italienischen Provinz Vicenza, absolvieren durften. Über die Meisterschule in Würzburg, bei der Anton Gerstenkorn 2008 seine Prüfung zum Malermeister absolvierte, erfuhr er von diesem Stipendium und beschloss sofort: »Da mach ich mit!« Auch sein Vater und Chef, Dieter Gerstenkorn (Geschäftsführer Maler Klee GmbH, Ebern), war von dieser Idee angetan: »Wie oft hat man schon so eine Gelegenheit!« Besonders der kulturelle Austausch und die Aussicht auf ­eine spannende Portion Lebenserfahrung zogen den jungen Maler- und Stuckateur­meister an. »Es war interessant zu ­sehen, wie Denkmalpflege in anderen Ländern praktiziert wird«, erinnert sich der 25-Jährige. »In Italien ist der Denkmalschutz zum Beispiel viel strenger, als bei uns.«

Tolle Gemeinschaft
Zusammen mit zwei Däninnen, einer Schweizerin, drei Schweizern, einer Österreicherin sowie acht weiteren deutschen Handwerkern bezogen Anton Gers­tenkorn und Alexander Kopf (Marko GmbH, Fachbetrieb für Denkmalpflege, Ettenheim) Mitte September vergangenen Jahres eine Wohngemeinschaft in ­Thiene, nahe der Restauratorenschule in der »Villa ­Fabris«. Im Schulbetrieb – den ersten sieben Wochen der insgesamt 13 ­Wochen langen Fortbildung – kamen noch sechs Italiener hinzu. Die inter­national zusammengewürfelten Handwerker verstanden sich prächtig und verbrachten viel Zeit zusammen: Vom Fußballspiel nach der Schule über ­gemeinsame Ausflüge in die Umgebung (Florenz, Padua, Vicenza) bis hin zum natürlich dazugehörenden Feiern, ­wurde fast alles gemeinsam ­unter-nommen. »Die Gemeinschaft war ­klasse«, findet Alexander Kopf ­heute noch. »Und dadurch, dass die Werkstatt immer bis nachts offenstand, haben sich die verschiedenen Gewerke auch gegenseitig ihre Fertigkeiten beigebracht.« So lernten die beiden Stucka-­ teure beispielsweise Steine zu behauen von den Steinmetzen (vier deutsche Stein­metzen waren dabei). Dafür ­zeigten Alexander und Anton den ­anderen, wie man Stuck zieht.

Kein Problem mit vier Sprachen
Auch der Unterricht war hoch interessant: »Die Lehrer haben in vier Sprachen gleichzeitig unterrichtet, mit Dolmetscher«, erzählt Anton Gerstenkorn. In den Sprachen Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch wurde parliert. »Italienisch-Unterricht hat für uns auch zum Lehrstoff gehört«, ergänzt er. Trotzdem haben die deutschen Handwerker nicht alle Dozenten gleich gut verstanden. »Zu einem Lehrer haben wir mal gesagt, er soll einfach arbeiten, wir würden schon durchs Zuschauen verstehen und lernen«, erinnert sich der junge Eberner mit einem Grinsen. Und das klappte dann auch. Der Dozent war erstaunt und von der Auffassungsgabe der jungen Deutschen begeistert.

Lernen im internationalen Vergleich
Überhaupt, so berichtet Anton Gerstenkorn weiter, waren die Italiener verblüfft, mit welcher Geschwindigkeit und Perfektion die deutschen Handwerker arbeiten und welche vielfältigen Fertigkeiten sie einsetzen. Außerdem seien sie neidisch auf das deutsche Ausbildungssystem. »In Italien machen die jungen Leute meist mehrere unbezahlte Prak­tika und müssen selbst schauen, was sie lernen. Aber man wird eigentlich nur ausgenutzt. Deshalb bin ich froh, dass ich in Deutschland ausgebildet wurde.« Auch weitere Unterschiede wurden ­offensichtlich: »In Italien sind feste ­Arbeitszeiten eher selten. Morgens um halb neun waren wir immer die ­ersten an der Baustelle«, erinnert sich Anton. Allerdings genießen seiner Meinung nach Handwerker und besonders Stucka­teure dort ein höheres ­Ansehen in der Bevölkerung als in Deutschland. Ziel der Schule und des Kurses sei, »die Werte der Vergangenheit, also letztlich Venedig«, zu erhalten. Deshalb war die Restauratorenschule anfangs auch ­direkt in Venedig, auf der Insel San ­Servolo angesiedelt, ist dann aber vor etwa fünf Jahren nach Thiene in die Villa Fabris umgezogen. Der Grund, so haben die Schüler erfahren, waren Bauplatzspekulationen von Hotelbetreibern. Seitdem ist die Schule und der dort angebotene Kurs fast in Vergessenheit ­geraten. »Und das ist total schade«, sagt Anton Gerstenkorn.

Jackpot Venedig
Immerhin bot sich über diesen Kurs und seinen Standort (nur 90 Kilometer von Venedig entfernt) die Möglichkeit, selbst in dieser faszinierenden Stadt zu arbeiten. Anton Gerstenkorn lächelt, wenn er von diesen drei Wochen spricht: »Das war eigentlich der beste Teil«, denn da konnten sie die erworbenen Kenntnisse aus den ­ersten sieben ­Wochen Theorie und drei Wochen Werkstatt endlich anwenden. »Die Zuteilung der Gewerke auf die verschie­denen Baustellen war wie eine Preisverleihung. Wir Stuckateure haben den Jackpot gezogen.« Denn zusammen mit den anderen Stuckateuren durften Alexander und Anton in ­einem Palazzo in Venedig eine Stuckdecke restaurieren. »Da wären die anderen auch ­gerne hin.« Alleine die Materialien auf die Baustelle zu bekommen, sei in einer Stadt wie Venedig einmalig, erzählt ­Anton Gerstenkorn ­weiter. »Wir haben unser Material per Boot auf die Baustelle gebracht, oder sind mit dem Sack­karren durch die ­Gassen gefahren. Bei uns kennt man sowas gar nicht mehr.«

Beste Beziehungen
»Im Winter ist in Venedig absolut nichts los«, erzählt Anton Gerstenkorn. »Auf dem Markusplatz sind dann mehr ­Tauben als Touristen zu sehen und ich konnte mit den anderen Kursteilnehmern viele Sehenswürdigkeiten besichtigen, die sonst nicht zugänglich sind. Über die Schule bestehen Verbindungen, das ist der Wahnsinn.« So konnte er zum Beispiel nicht nur die Kuppel des Doms in Florenz ­besteigen, sondern auch die des Markus-Doms in Venedig. Der 25-Jährige: »Der Blick von dort oben ist genial.« Aber auch die Krypta in Venedig, die erst vor kurzem trockengelegt wurde, konnten die Schüler der Villa Fabris besichtigen. »Überhaupt muss ich sagen, dass die Organisation echt top war«, schwärmt der Stuckateur- und Malermeister. Besonders stolz ist er darauf, dass ihn die italienischen ­»Maestros« mehrmals gefragt haben, ob er nicht bleiben ­wolle, immerhin gibt es gerade in ­Venedig für entsprechend ausgebildete Fachkräfte sehr viel zu tun. Doch Anton Gerstenkorn und Alexander Kopf zog es Mitte Dezember vergangenen Jahres wieder zu ihren heimischen Betrieben nach Deutschland zurück.

Stipendium
Förderung: Das Stipendium (im Wert von 10 000 Euro) wird vom Bundesbildungsministerium in Berlin vergeben. Die Verteilung erfolgt nach einem Bewerbungsverfahren. Man sollte Erfahrung in Restaurationen nachweisen können. Die aktuelle Bewerbungsfrist endet am 12. April 2013. Villa Fabris: Die Schule in Thiene ist für die Kunstgewerke Stuckateure, Maler, Steinmetze und Schreiner/Tischler ­gedacht. Weitere Informationen gibt es auf der Website des Zentralverbandes des deutschen Handwerks unter www.zdh.de.

Katharina Becht,
freie Journalistin

Abbildungen: Gerstenkorn/Knopf                                                                                 Ausgabe: 4/2013

  1. Stipendium_1 Ausbau und Fassade - Stuckarbeiten in »Bella Italia«
  2. Stipendium_2 Ausbau und Fassade - Stuckarbeiten in »Bella Italia«
  3. Stipendium_3 Ausbau und Fassade - Stuckarbeiten in »Bella Italia«
  4. Stipendium_4.neu Ausbau und Fassade - Stuckarbeiten in »Bella Italia«