01. Januar 2016

»Frauen haben es leichter!«

Stuckateurin-Streich-2 Ausbau und Fassade - »Frauen haben es leichter!«

Annett Streich ist Stuckateurmeisterin in Landsberg/Klepzig bei Halle an der Saale. Während andere Frauen im Handwerk oft noch kritisch beäugt werden, hat sie sich mit ­gesundem Selbstbewusstsein einen kleinen Betrieb aufgebaut, der hohe Akzeptanz genießt.

Dass Annett Streich den Stuckateur­beruf erlernt hat, ist eigentlich einem Zufall zu verdanken. Denn vor der ­Wende gab es diesen Beruf in der DDR noch gar nicht und das Berufsbild war dort in der Öffentlichkeit noch weit­gehend unbekannt. »Ich wollte aber nach der Schule einen handwerklichen Beruf ­erlernen und ­eigentlich Bildhauerin ­werden. Dazu hätte ich aber studieren müssen. Zufällig habe ich zu dieser Zeit in ­einem Flyer gelesen, dass der Stuckateurberuf vielseitig und kreativ sei — so wie ich. Ich habe mich beworben und es hat gleich geklappt«, ­erinnert sie sich.

Ziel Selbstständigkeit
Drei Jahre lang — von 1993 bis 1996 — absolvierte Annett Streich eine Aus­bildung bei dem Unternehmen Keilberg und Mehl in Halle an der Saale. Danach ging es Schlag auf Schlag: Ab 1996 ­arbeitete sie im Lehrbetrieb als Gesellin. Kurze Zeit später wurde das Unternehmen aufgeteilt und teilweise von Mehl-Bau übernommen. »Bis zum Jahr 2000 habe ich diverse Stuckateurbetriebe in Halle kennengelernt und ­auch bei ­mehreren gearbeitet. Aber ­langfristig war die Selbstständigkeit mein erklärtes Ziel. 2000 war es dann soweit.«
Auf eigenen Beinen zu stehen, fiel der jungen Frau relativ leicht. Schon in den Jahren zuvor hatte sie als Angestellte anspruchsvolle und verantwortungsvolle Tätigkeiten ausgeführt. Eine eigene ­Firma zu gründen war da nur der konsequente nächste Schritt. Sie nahm noch im gleichen Jahr an ­einem dreimonatigen Existenzgründungslehrgang teil. 2001 startete sie vom Unternehmensstandort Landsberg/Klepzig durch.

Meisterprüfung und Fortbildung
Annett Streich: »Ich habe von der Handwerkskammer Sachsen-Anhalt eine Sondergenehmigung bekommen und war quasi zeitlich begrenzt ›Meister auf Zeit‹ mit der Auflage, dass ich die Meis­terprüfung nachträglich machen muss.« In der Überbetrieblichen Ausbildungsstätte in Leonberg kam sie dieser ­Anforderung nach. Den Meisterbrief hat sie seit 2009 in der Tasche, den Aufwand und die anfallenden, nicht unbedeutenden ­Kosten waren es ihr allemal wert. »Der Meister­titel steht für ­Qualität. Und viele Betriebe mit dieser Qualifikation gibt es in Halle nicht. Der Meisterstatus kostet Zeit und Geld — aber er lohnt sich.«
Damit war die Stuckateurin aber nicht zufrieden. Noch bis März 2012 absolviert sie eine Restauratoren-Ausbildung in Rutesheim. Eine Fortbildung, die in ihrem Fall absolut Sinn macht, da es in Halle einen großen Altbaubestand ­beziehungsweise viele denkmal­geschützte Häuser gibt. »Man muss sich mit dem Denkmal-Amt abstimmen und deren Wünsche verstehen und nachvollziehen können«, erläutert sie. »Seit ich bei der Stadt bekannt bin und sie meine Qualifikationen kennen, geht vieles leichter von der Hand. Die Ämter ­wissen, dass ich als anerkannte Restauratorin in ihrem Sinne arbeite und handle.« Dass sie in ihrer Heimatregion schon zahl­reiche Stuckdecken und denkmal­geschützte Fassaden bearbeitet hat, ist übrigens nicht nur für ihr ­Renommee gut, sondern hat auch schon so manchen Euro in die Betriebskasse gespült.

Qualität entscheidet
Für eine Frau, die ursprünglich Bildhauerin werden wollte, hat sich der ­Beruf der Stuckateurmeisterin beziehungsweise Restauratorin als Glücksfall erwiesen. Annett Streich bestätigt: »Ich neige zur sehr genauen Arbeit, die abgelieferte Qualität ist ­entscheidend.« Und die muss gut sein – denn ihr kleines Unternehmen ist in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt gewachsen. Zwei Angestellte stehen mittlerweile bei ihr in Lohn und Brot – ein Stuckateur, den sie selbst ausgebildet hat sowie ein Mitarbeiter, der sich auf Ausbau beziehungsweise Trockenbau spezialisiert hat.
Mittlerweile ist klar, dass sich der erfolg­reiche Drei-Personen-Betrieb im Bezug auf die Räumlichkeiten vergrößern muss: Die Werkstatt und das Lager werden ­erweitert. Das Grundstück neben ihrem ­Betrieb hat die junge ­Unternehmerin schon ­gekauft. Putz, Stuck, Flaschnerarbeiten, Farb­gestaltung an der Fassade - das ist ihr Kern­geschäft. »Ich über­nehme auch Maler-, Tapezierer- und Fliesenlegerarbeiten. Der Kunde bekommt bei mir alles aus einer Hand. Die Materialien und Werkzeuge dafür müssen gelagert werden – und es ­werden immer mehr«, stellt ­Annett Streich mit einem Lächeln fest.

Jeden Tag am Bau
Bernd Esbach ist nicht nur Trockenbau-Experte im Stuckateur-Meister­betrieb Streich, er ist auch der Lebensparter der Chefin. Mit der fünf Jahre ­alten Tochter Jenny wohnen die beiden in dem ­gemeinsamen Haus, in das eine Werkstatt und eine Halle integriert ist. ­»Meine übliche Arbeitszeit ist von ­sieben bis 17 Uhr. Danach kommt die Vorbereitung auf den nächs­ten Tag und die Büroarbeit. Da kann es schon ­zwischen 20 und 21 Uhr werden. Ich bin jeden Tag am Bau, da ich vieles selbst machen will und es mir großen Spaß macht«, versichert Annett Streich.
Das Familienleben funktioniert trotz Zeitknappheit tadellos. Da die Mutter selbstständig ist, können sich die Eltern bei der Tagesplanung flexibel abstimmen. »Einer von uns beiden hört früher mit der Arbeit auf und kümmert sich um Jenny. Am nächsten Tag wechseln wir uns ab«, erklärt die Stuckateurin.
Vorteile als Stuckateurin
Annett Streich ist in der ­Innung HK Sachsen-Anhalt organisiert und in der Branche bekannt und akzeptiert. Die meisten Aufträge generiert sie nach ­eigenem Bekunden über Mundpropaganda: »Die meisten wissen über mich Bescheid und schätzen meine Kennt­nisse und Fähigkeiten.« Als Frau im Handwerk hat sie größtenteils positive Erfahrungen gemacht und wurde nur selten mit Vorurteilen konfrontiert. »Ich habe die gleichen Kunden wie meine männlichen Branchen­kollegen. Eine Stuckateurin ist heute nichts Ungewöhnliches mehr. Vieles ist auch vom Auftreten abhängig. Ich ­komme in ­sauberer Arbeitskleidung zur Baustelle und beantworte fachliche ­Fragen. Die Kompetenzen sind schnell geklärt.«
Beim Materialeinkauf beim Baustoffhändler ist es sogar ein Vorteil, eine Frau zu sein, wie sie mit einem Grinsen verrät: »Die Verkäufer wollen mir stets beim Transport behilflich sein, das ­würden sie bei Männern nicht tun.« Auch während ihrer Berufsausbildung hatte sie als »Nesthäkchen« des Betriebs eine angenehme Zeit und wurde immer gut behandelt.
Kein Wunder also, dass Annett Streich ­jederzeit einen weiblichen Lehrling einstellen würde. »Das Stuckateurhandwerk ­könnte durchaus mehr Frauen ver­tragen, zumal wir genauso gut arbeiten wie die Männer. Oft haben wir sogar noch ein bisschen mehr Gefühl für das Kreative und Gestalterische. Ob als ­Angestellte oder als Selbstständige, als Frau braucht man sich in diesem Beruf keine Sorgen zu machen. Es ist zu schaffen und macht Spaß!«

dm

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