04. Mai 2011

Handwerksbetrieben gehen die Mitarbeiter aus

Der Bedarf an Fachkräften im Handwerk ist hoch. Das hat eine Umfrage des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT) ergeben. Ein knappes Viertel der 1.200 befragten Betriebe im Land möchte in den kommenden Monaten Fachkräfte einstellen. Das ist überwiegend der guten wirtschaftlichen Lage geschuldet. Vor allem Bauhaupt- und Ausbaubetriebe suchen Personal, aber auch die gewerblichen Zulieferer, die vielfach in der Krise Mitarbeiter entlassen mussten, die sie nun dringend wieder benötigen.


Dazu kommt, dass nach Schätzungen des Handwerkstages in den nächsten fünf Jahren rund 80.000 Beschäftigte ersetzt werden müssen, die altershalber oder aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand gehen.


Doch qualifizierte Fachkräfte sind längst Mangelware. Nur noch jeder dritte Chef gibt an, dass er problemlos passendes Personal findet. Besonders schwer tun sich das Bauhauptgewerbe, das mit Imageproblemen zu kämpfen hat, die gewerblichen Zulieferer, die in hartem Wettbewerb mit der Industrie stehen, und das Gesundheitshandwerk, das in den letzten Jahren stark gewachsen ist. Gefragt sind vor allem Gesellen. Aber auch auf Kaufleute, Techniker oder Hochschulabsolventen warten offene Stellen, allerdings vor allem in Betrieben ab 50 Beschäftigten.


Im Kampf gegen den Fachkräftemangel setzen die Betriebe vor allem auf Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter. Auch Mehrarbeit wird genutzt, um zumindest kurzfristig die Situation zu entschärfen. Knapp dahinter werden zusätzliche finanzielle Leistungen genannt oder eine verstärkte Ausbildungstätigkeit, die sich aber vor dem Hintergrund rückläufiger Schülerzahlen schwierig gestaltet.



»Die meisten Betriebe haben verstanden, dass nur über die eigene Ausbildung in Zukunft genügend Gesellen und Meister zur Verfügung stehen werden«, sagt Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle. Nur knapp die Hälfte der Befragten will verstärkt ältere Personen länger im Betrieb halten, aber 13 Prozent davon können sich dies zumindest für die Zukunft vorstellen. Hier sieht Möhrle noch ungenutztes Potenzial: »Wir dürfen auf unsere erfahrenen älteren Mitarbeiter nicht verzichten.« Längeres Arbeiten sei auch im Handwerk möglich, denn die Arbeitsbedingungen in körperlich anstrengenden Berufen hätten sich längst verbessert. Auch in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit der Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen sieht Möhrle Nachholbedarf.


Der Mangel an Fachkräften sei real und drohe sich bei weiter guter Konjunktur als Bremsfaktor für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit zu entwickeln, befürchtet Möhrle. In vielen Handwerksbetrieben klagen die Betriebe schon seit Jahren über Nachwuchsmangel. Oft hätten Schüler völlig falsche Vorstellungen von modernen, innovativen Handwerksberufen. Einen wichtigen Ansatz sieht Möhrle deshalb in der Berufsorientierung. Es müsse gelingen, die Brücke zwischen schulischen Inhalten und betrieblichen Anforderungen zu bauen: »Das wäre ein enormer Motivationsschub für junge Menschen – und gleichzeitig würde Ausbildungsabbrüchen vorgebeugt.«


Die Handwerksorganisationen und Betriebe stünden als engagierter Partner bereit. Sie gehen in die Schulen oder laden Schüler ein, die betriebliche Praxis zu erfahren und zu erleben. »Es bedarf aber auch der politischen Unterstützung und einer festen Verankerung der Berufsorientierung im Lehrplan«, richtete Möhrle einen Appell an die neue Landesregierung.