11. Juli 2011

Konjunkturmotor läuft auf vollen Touren

Der Konjunkturmotor im Handwerk läuft auf vollen Touren: Die Betriebe melden volle Auftragsbücher. Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle: "2010 war ein gutes Jahr für das Handwerk, es sieht so aus, als ob 2011 ein noch besseres werden könnte." Auch die aktuelle Umfrage zum 2. Quartal bestätigt den positiven Kurs. Doch das Handwerk ist keineswegs sorgenfrei, denn das Problem des fehlenden qualifizierten Nachwuchses brennt der Branche unter den Nägeln.

Die 130.000 Handwerksbetriebe in Baden-Württemberg mit ihren 730.000 Mitarbeitern haben die Krise gut bewältigt. Möhrle: "Wir sind weiter auf dem Wachstumspfad und wir haben fast wieder die Werte des Einheitsbooms von 1992 zu verzeichnen. Der im Winter übliche Beschäftigungsrückgang ist diesmal ausgeblieben." Zuversicht und Optimismus prägen die Stimmung, ein dickes Umsatzplus im zulassungspflichtigen Handwerk von 13,5 Prozent im ersten Quartal 2011 im Vergleich zum Vorjahresquartal, eine hohe Zahl an Ausbildungsverträgen schon Ende Mai seien deutliche Signale.

Die aktuelle Konjunkturumfrage des Handwerkstages zum zweiten Quartal kann mit positiven Ergebnissen aufwarten. Das baden-württembergische Handwerk ist weiter auf Rekordkurs. Rund 60 Prozent aller befragten Betriebsinhaber beurteilten ihre Geschäftslage als gut. Vor einem Jahr waren es nur 44 Prozent. Nur noch 8,7 Prozent der Befragten hielten ihre derzeitige Situation für schlecht. Im zweiten Quartal 2010 gab noch rund jeder siebte Inhaber diese Antwort. Auch die Geschäftserwartungen sind voller Zuversicht. Rund 62 Prozent der Befragten gehen optimistisch ins dritte Quartal, nur 7,4 Prozent sind pessimistisch. Vor Jahresfrist war nur rund jeder zweite Handwerker optimistisch und rund jeder zehnte blickte pessimistisch in die Zukunft.

"Drei Prozent plus bei den Umsätzen im Bund werden erwartet; in Baden-Württemberg rechnen wir sogar mit vier Prozent", freut sich der Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT). Auch bei der Beschäftigung geht es aufwärts. Rund jeder zehnte Befragte möchte im dritten Quartal Beschäftigte einstellen, nur knapp 4,5 Prozent rechnen mit einem Personalabbau. Möhrle: "Wir gehen von einem Plus von mindestens 0,5 Prozent aus."

Die Zahl der Betriebe hat weiter zugelegt. Ende 2010 gab es insgesamt 131.015 Betriebe, das sind 929 Betriebe oder 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Wie schon in den vergangenen Jahren resultiert dieses Plus vor allem aus den zulassungsfreien Handwerken. Mit einem Nettozuwachs von neun Betrieben waren 83.817 Betriebe in die Handwerksrolle eingetragen. Im zulassungspflichtigen Handwerk blieb der Betriebsbestand damit nahezu konstant. Im zulassungsfreien Handwerk waren 23.027 Betriebe gemeldet, was einem Plus von 4,5 Prozent entspricht. Die Fluktuation unter diesen Betrieben ist hoch: Im Jahr 2010 ließen sich mehr als 4.000 Betriebe neu eintragen, gleichzeitig verschwanden aber mehr als 3.000 vom Markt. Das handwerksähnliche Gewerbe verlor weiter an Bedeutung und ging um 64 auf 24.107 Betriebe zurück.

Aktuell bildet das Handwerk im Land rund 55.500 junge Menschen aus. Große Sorgen bereiten der Branche die fehlenden qualifizierten Bewerber. Möhrle: "Der Nachwuchsmangel trifft uns mitten ins Herz, denn wo es keine Gesellen gibt, da fehlen später die Meister." Natürlich habe das Handwerk auch eine Bringschuld. Gemeinsam mit den Handwerksorganisationen werben die Betriebe aktiv um junge Menschen und betreiben ein offensives Ausbildungsmarketing. Betriebspraktika und Auslandpraktika, Schulpartnerschaften und Nutzung neuer Medien, nannte Möhrle als Stichworte. Außerdem gingen viele Unternehmer gezielt auf Abiturienten zu und arbeiteten intensiv mit Schwächeren: "Nachhilfeunterricht im Betrieb ist keine Seltenheit." Rund ein Viertel der Handwerksunternehmer bezahle die Mitarbeiter übertariflich.

"Aber damit lässt sich das Kernproblem nicht lösen", erklärte Möhrle. Die Rahmenbedingungen für mehr Beschäftigung zu schaffen, zähle zu den vorrangigen Aufgaben der Politik. Dazu gehöre aber auch die Sicherung eines ausreichend qualifizierten Nachwuchses für die Handwerkswirtschaft. Das Bekenntnis des Ministerpräsidenten zum bewährten dualen System der Berufsbildung und zur Gleichstellung des allgemeinen und beruflichen Bildungswesens sei zwar erfreulich, sagte Möhrle, gleichzeitig sei aber im Koalitionsvertrag eine deutliche Tendenz zur Akademisierung festzustellen. Wer einerseits einen Rechtsanspruch auf einen Platz an beruflichen Gymnasien einführen wolle, ohne parallel dazu die duale Ausbildung mit konkreten Maßnahmen zu stärken, der lasse das Handwerk mit seiner größten Herausforderung alleine: "Diese Herkulesaufgabe können wir nicht alleine schultern und da ist die Politik in der Pflicht." Er vermisse beispielsweise konkrete Vorschläge der Landesregierung, wie eine vertiefte Berufsorientierung an allen Schularten organisiert werden könne.

Längeres gemeinsames Lernen, innovative Konzepte, flächendeckender Ausbau der Ganztagesschulen und individuelle Förderung - dies alles seien alte Forderungen des Handwerkstages, brachte Möhrle in Erinnerung. Er begrüße, dass sich diese Initiativen auch in der Koalitionsvereinbarung wiederfänden: "Das Handwerk wird sie nach Kräften unterstützen."