02. September 2011

KfW-Konjunkturprognose: Aufschwung hält an

Angesichts eines Wachstums des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von nur 0,1 Prozent im 2. Quartal 2011 und den jüngsten Börsenturbulenzen werden zunehmend Befürchtungen einer neuen Rezession laut. Diese sind nach Sicht der KfW-Konjunkturprognose wenig begründet.

Trotz der Beinahestagnation ist das BIP im 1. Halbjahr insgesamt um + 1,6 Prozent und damit sehr deutlich gegenüber dem 2. Halbjahr 2010 gewachsen. Es ist zu erwarten, dass sich diese aufwärts gerichtete Grundtendenz in der zweiten Jahreshälfte fortsetzt, allerdings mit geringerer Dynamik. Nach der Atempause im Frühjahr wird sich das Wachstum im dritten Quartal voraussichtlich auf 0,6 Prozent beschleunigen und sich in den folgenden Quartalen bis Ende 2012 bei knapp 0,4 Prozent einpendeln. Im Jahresdurchschnitt ergeben sich daraus preis- und kalenderbereinigte BIP-Zuwächse von 3,1 Prozent für das laufende Jahr und 1,6 Prozent im Jahr 2012.

Diese Prognose beruht auf drei Gründen: Erstens wird die Weltwirtschaft langsamer, aber weiterhin in ausreichendem Tempo wachsen. Nach knapp 5 Prozent Wachstum im vergangenen Jahr ist für die Jahre 2011 und 2012 von jeweils rund 3,5 Prozent auszugehen. Maßgebliche Treiber sind nach wie vor die großen Schwellenländer, von denen eine solide Nachfrage nach deutschen Exporten ausgeht. Eine deutliche Aufwertung des Euro, die diese Impulse konterkarieren könnte, ist vor dem Hintergrund der Strukturprobleme in der Eurozone unwahrscheinlich. Der zweite Grund liegt in der überdurchschnittlichen Auslastung der Produktionskapazitäten der Unternehmen, was die Ausrüstungsinvestitionen stimulieren sollte. Der dritte Grund ist die sehr günstige Lage am Arbeitsmarkt: Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote lag im August 2011 mit 7,0 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der gesamtdeutschen Zahlen im Dezember 1991. Diese Quote wird in den kommenden Monaten weiter fallen. Zusammen mit steigenden Löhnen und den nach wie vor sehr niedrigen Zinsen schafft dies grundsätzlich ein günstiges Umfeld für den privaten Konsum und den Wohnungsbau.

Dr. Norbert Irsch, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe: "Die deutsche Wirtschaft steht vor einer weichen Landung. Nach dem überaus starken Wachstum im 1. Quartal schlägt sie jetzt ein Tempo ein, das sie auch längerfristig ohne Verspannungen durchhalten kann. Sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr wird das Realwachstum voraussichtlich über dem langfristigen Durchschnitt seit der Wiedervereinigung von 1,2 Prozent liegen - es wären für Deutschland also gute Resultate. Allerdings sind die Risiken dieser Prognose erheblich. Sie bestehen vor allem in der hohen Nervosität der Finanzmärkte, der ungelösten Staatsschuldenkrise, den stark gestiegenen Zweifeln an der politischen Handlungsfähigkeit in der Eurozone, der wieder zunehmenden Verunsicherung über die Solidität der Banken sowie in der fragilen konjunkturellen Situation in den USA und einigen anderen Industrieländern. Materialisieren sich diese Risiken, wäre insbesondere für 2012 mit einer deutlich schlechteren realwirtschaftlichen Entwicklung zu rechnen."