01. Januar 2016

Klassizistischer Kalkstuck

Pilz_1 Ausbau und Fassade - Klassizistischer Kalkstuck

Die klassizistische Ziegelfassade des ehemaligen Augsburger Hauptkranken­hauses wurde originalgetreu restauriert. Laut Befund erhielt sie mehrere hundert Meter Gesimse, Profile und Lisenen aus durchgefärbtem Kalkstuck. Die handwerklich aufwendige Arbeit lässt die kräftig farbige Fassade wieder leuchten.

Das Augsburger Hauptkrankenhaus wurde 1856 erbaut. Es war damals eines der modernsten und größten in Deutschland. Erhalten sind davon noch der West- und Mitteltrakt, die heute unter Denkmalschutz stehen. Die Schmuck­elemente waren klassizistisch reichhaltig. Die Schaufassaden an Süd- und Westseite erhielten aufwendig profilierte Stuckfenster. Besondere Elemente wie Gesimse und Turmaufsätze wurden sogar in rotem Sandstein gestaltet. Für die Gebäuderückseite wählte man eine einfachere Ausführung mit Stuck. Besonders ist, dass man mit durchgefärbtem rötlichem und gelblichem Kalkmörtel gearbeitet hat, der den farbigen Sandstein imitiert. Besonders gestaltet ist auch die Ziegelfassade, die durch ihre »verbändelte Verfugung« homogen wirkt. Sie wird durch sauber gezogene, horizontale und vertikale Stuckelemente gegliedert. Der Mörtel war allerdings nach über 150 Jahren nahezu gänzlich abgewittert. Auf der vom Wetter beanspruchten Süd- und Westseite war fast nichts mehr von dem profilierenden Stuck
vorhanden.

Materialrekonstruktion
Das denkmalgeschützte Gebäude wurde grundlegend saniert und in ein Dienstleistungszentrum umgenutzt. Seine Fassade wurde originalgetreu restauriert. Dazu wurden Reste des Altmörtels abgenommen und untersucht, um den Kornaufbau möglichst ähnlich nachzustellen. Es fanden sich Kalkspatzen und grobe Zuschläge. Nach dem Befund ist der durchgefärbte Mörtel wiederhergestellt worden. »Es geht bei dem neuen Mörtel darum, das Durchgefärbte wieder zu bekommen und farblich am Original möglichst nahe dran zu sein«, erklärt die zuständige Architektin Liane Heim und ergänzt: »Man war damals ganz sensibel mit den Farben.« Sie leitet die Arbeiten des ausführenden Unternehmens Dr. Pfanner GmbH Restaurierungswerkstätten und ließ Proben von verschiedenen Herstellern vor Ort bemustern. »Die Farbe verändert sich noch mal unheimlich, wenn der Kalk abtrocknet«, betont sie. Die Farbtöne der Mörtel sollten einem verwendeten gelben und einem roten Sandstein nahekommen. Die durchgefärbten Luftkalkmörtel PS (Mörtelgruppe P I nach DIN 18660) von Solubel erfüllten alle Anforderungen. Der Mörtel enthält zwei bis fünf Prozent Ziegelmehl als Carbonatisierungsbeschleuniger; für überhängende Gesimse einen Anteil an Romanzement. Mit 0 – 4 mm Körnung wurde er für den Grobzug des Stucks und zum Verfugen eingesetzt. Mit 0 – 1 mm für den Feinzug. Insgesamt fünf Tonnen Sackware wurden verarbeitet.

Verbändelte Fugen
Nach Versuchen mit Dampfstrahlen wurde das Ziegelmauerwerk trocken gereinigt. Feuchtigkeit hätte Salze aus dem Untergrund an die Oberfläche gebracht. Zuerst wurden die Fugen mit Mörtel 0 – 4 mm saniert. Nach Vor­nässen mit der Spritze, Eintragen des pigmentierten Mörtels und Anziehen wurden die leicht erhabenen Fugen mit dem feuchten Schwamm abgewaschen und ein Teil des Mörtels auf die Ziegel verteilt. So entstand das historische, einheitliche Bild, in dem die Fugen minimal erhaben sind und die Ziegel wie lasiert erscheinen.

Formfindung
Die Profilformen wurden an noch vorhandenen Stuckteilen abgenommen. Nach diesen Mustern wurden jeweils zwei Schablonen aus Blech geschnitten: Eine größere für den Feinzug. Diese hat Originalgröße und eine zweite, um zirka  3 – 5 mm kleinere, für die grobe Form. Die Schablonen aus mit Holz verstärkten Blechen wurden zum Zug an Holzschienen geführt. Diese Schienen wurden mit Putzhaken am Mauerwerk befestigt. So ließen sie sich leicht justieren. Nach dem Vornässen des Untergrunds mit der Spritze wurde die Grobform mit Putz (0 – 4 mm) und der kleinen Schablone gezogen. Mit der größeren Schablone und feinem Putz (0 – 1 mm) wurde der Feinzug ausgeführt.  Der Putz wurde in Eimern von Hand mit dem Rührer gemischt. »Das ist eine sehr schöne Baustelle. Hier kann man richtige Stuckarbeiten ausführen«, ist Vorarbeiter Zbyszek Winnicki begeis­tert. Er ließ nicht mehr als 2 – 3 cm Putz eintragen, denn sonst wird er zu schwer und hält nicht. Bei Ziegelausbrüchen – etwa in den Gesimsen – wurden die Ziegel ausgetauscht. An zwei bis drei Stellen wurde punktuell armiert. Dazu wurden Edelstahlstifte gesetzt und die Fehlstelle mit einem Draht überspannt. Auf der Westseite waren Teile des Grobzugs erhalten geblieben. Dieser Stuck wurde nur mit ­einem neuen Feinzug versehen. Der Kalkmörtel wurde zirka zehn Tage mit der Wasserspritze feucht gehalten – täglich, auch am Wochenende. Das Gerüst war abgehängt als Schutz vor der Sonne und vor Schlagregen.

Lisenen und Schmuckelemente
Die Form der Lisenen ist recht einfach. Ihre großen Flächen wurden nicht gezogen. Bei Ziehversuchen zeigte sich, dass der Mörtel »zu heiß« war, das heißt das Wasser wurde ihm zu schnell entzogen. Umrahmt von Leisten wurde deshalb erst die große, vorstehende Fläche eingetragen. Nach dem Umsetzen der Leisten wurden die beiden seitlichen kleinen Flächen geputzt. Auch die Schmuckelemente unter den Fens­tern wurden saniert. Dazu wurden sie ausgebaut. Stark defekte Felder erhielten einen neuen Abguss. Nach Abschluss der Arbeiten, die zum Teil noch andauern, wird die einmalige Fassade wieder rot und gelb leuchten und von einer reichen Handwerkstradition erzählen.

Achim Pilz
Fachjournalist

Abbildungen: Pilz                                                                                                                   Ausgabe: 4/2013

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