01. Januar 2016

Sichere Gerüste – sicheres Arbeiten

Sicheres Arbeiten an der Fassade ist heutzutage ohne Gerüste kaum mehr vorstellbar. Der Beitrag von Franz Martin Dölker klärt, was bei der Montage zu beachten ist.

Schutz- und Arbeitsgerüste bieten ­Gewerken nicht nur sicheren Höhen­zugang für Arbeiten an Stellen, die vom Boden oder von Geschossdecken aus nicht mehr erreicht werden, sondern sie schützen Handwerker auch vor tieferem Absturz. Sie sind daher gemäß den Vorschriften einwandfrei herzustellen. Dies sichert ein Gerüstbauer bei der Über­gabe an den Auftraggeber — wie Handwerker — durch ein Prüf- und Übergabeprotokoll zu. Jeder Arbeitgeber, der Gerüste oder Teilbereiche von Gerüsten von Beschäftigten benutzen lässt, hat im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung nach § 3 der Betriebssicherheitsver­ordnung (BetrSichV) zu ermitteln, ob ­eine Prüfung vor der Benutzung erforderlich ist. Die ­Prüfung hat den Zweck, sich von der ­sicheren Funktion in ­Abhängigkeit der jeweiligen Nutzung der Gerüste zu überzeugen. Ist eine Überprüfung erforderlich, geben vorgefertigte Prüf­protokolle der Berufsgenossenschaften Hilfestellung hinsichtlich der zu prüfenden Punkte wie Kennzeichnung, Verwendungszweck, verwendete Bauteile, Standsicherheit oder ­Arbeits- und ­Betriebssicherheit. Gleichzeitig kommen Gerüstnutzer damit ihrer Dokumen­tationspflicht nach § 11 ­BetrSichV nach.

Prüfung durch »befähigte Personen«
Zur Überprüfung eines Gerüstes muss ein Arbeitgeber im ersten Schritt eine hierzu »befähigte Person« benennen. Deren Voraussetzungen und Fähigkeiten werden abhängig von der Komplexität des Gerüsts vorab in der Gefährdungsbeurteilung bestimmt. Anhaltspunkte gibt die Technische Regel für Betriebs­sicherheit (TRBS) 1203, welche die ­Betriebssicherheitsverordnung hinsichtlich der ­Erfüllung konkretisiert.
Die TRBS 1203 nennt als Anforderungen bei der Auswahl der befähigten ­Personen die Punkte Berufsausbildung, Berufserfahrung und zeitnahe berufliche Tätigkeit. Sinnvoll ist zudem eine ­Schulung über die Aufbau- und ­Verwendungsanleitung des Gerüst­systems, Kenntnisse der aktuellen Vorschriften und Normen sowie spezielle Kenntnisse von Gefährdungen bei ­Gerüsten.

Prüfung hinsichtlich der Eignung
Zur Prüfung eines Gerüsts gehören die Prüfung auf Eignung für den vorgesehenen Verwendungszweck als Arbeits- oder Schutzgerüst und die Prüfung der Last- und Breitenklassen für die vor­gesehenen Arbeiten. Die jeweiligen ­Informationen findet die prüfende ­Person auf der Kennzeichnung. Ob ein Gerüst für die vorgesehenen Arbeiten geeignet ist, kann nur der Nutzer beurteilen. Dies sollte bereits in die Planung einfließen.
Ist ein Gerüst für die vorgesehenen ­Arbeiten geeignet, muss dieses hinsichtlich der Standsicherheit überprüft ­werden. Dazu zählt neben der Diagonalführung auch die Verankerung. Es reicht eine augenscheinliche Überprüfung, hierzu sind jedoch Grundkenntnisse in der Gerüstbautechnik insbesondere ­hinsichtlich der Verwendung des geeigneten Ankerrasters und der Verwendung von »langen« Ankerschrauben, beziehungsweise der Ableitung von Parallelkräften in die Verankerung zwingend ­erforderlich. Bei der Diagonalführung gilt die Faustregel »eine Diagonale pro fünf Felder«.

Arbeits- und Betriebssicherheit
Ein weiterer Fokus bei der Überprüfung von Gerüsten durch den Nutzer liegt auf dem Punkt »Arbeits- und Betriebssicherheit«. Dabei wird auf augenfällige ­Mängel geprüft, zum Beispiel unbe­schädigte Bauteile, Aufstiege, Beläge, Seitenschutz und Wandabstand. ­Arbeitsplätze auf Gerüsten dürfen nur über sichere Zugänge betreten werden. Im Allgemeinen kommen heute integrierte Leiternaufstiege oder vorgesetzte Podesstreppen zum Einsatz.
Die Entscheidung, ob ein Treppenturm bereitzustellen ist, obliegt dem Bauherrn ­beziehungsweise dem Auftrag­geber. In der TRBS 2121 Teil 1 als ­Konkretisierung der Betriebssicherheitsverordnung wird zur Vermeidung der Absturzgefahr ­eine Hilfestellung bezüglich Zugängen zu ­Arbeitsplätzen auf Gerüsten gegeben. Gerade bei umfangreichen Arbeiten oder bei Transport großer Material­mengen über den ­Zugang und einer Aufstiegshöhe im Gerüst von mehr als zehn Metern ­empfiehlt die TRBS als Aufstieg Treppen, Transportbühnen oder Aufzüge anstelle von Leitern. Hierbei handelt es sich laut der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) um eine Leistung, die separat auszuschreiben und abzurechnen ist.

Seitenschutz ist unverzichtbar
Eine Podesttreppe ermöglicht einen schnellen, sicheren und komfortablen Aufstieg im Gerüst — selbst mit Arbeitsmaterial. Für sicheres Arbeiten ist es darüber hinaus wichtig, dass jede ­benutzte Gerüstlage voll ausgelegt ist. Die Belagsteile sind so dicht aneinander zu ver­legen, dass sie weder wippen noch ausweichen können, gerade bei Kon­sollagen, der obersten Lage oder im Eckbereich. Die saubere Ausbildung ­einer Ecke in voller geforderter Breite ist deswegen ein weiterer Prüfpunkt. Die DIN EN 12811 schreibt außerdem in ­jeder begehbaren Lage einen Seitenschutz vor. Der Seitenschutz wird dreiteilig — bestehend aus einem Handlauf in 1 m Höhe, einem Zwischenholm in 50 cm Höhe und einem 15 cm hohen Bordbrett — ausgebildet. In Abhängigkeit vom Abstand des Gerüstbodens von der Gebäudewand kann außerdem ein ­Seitenschutz an der Innenseite des Gerüstes erforderlich sein. Die DIN 4420 fordert seit jeher ­einen maximalen Wandabstand von 30 cm. Mit der Einführung der Betriebssicherheitsverordnung wurde über die TRBS 2121-1 ebenfalls ein Wand­abstand von 30 cm für Gerüste fest­gehalten.
Schutzgerüste haben die Aufgabe, die am Bau Beschäftigten als Fanggerüst oder Dachfanggerüst gegen tieferen ­Absturz zu sichern oder als Schutzdach Personen, Maschinen und vieles mehr vor herab­fallenden Gegenständen zu schützen. Ein Fanggerüst sichert ­Personen — oder Materialien — gegen Absturz von horizontalen Arbeitsebenen, ein Dachfanggerüst von geneigten ­Arbeitsebenen. Speziell bei Schutz­gerüsten wird geprüft, ob diese gemäß der DIN 4420-1:2004-03 montiert ­wurden.
    
Franz-Martin Dölker,
Schulungsingenieur bei der Wilhelm Layher GmbH und Co. KG

Abbildungen: Layher                                                                                                Ausgabe: 3/2012